Zukunft der Steuerberatung: Trends und Visionen Teil 1

Von lexisnexis / 06.11.2018

„Der Berufsstand der Steuerberater muss sich dem Wandel anpassen!“ Dieser Apell entstammt einer umfangreichen Zukunftsanalyse der deutschen Bundes-Steuerberaterkammer. Sie vereint die Ergebnisse mehrere Workshops sowie der Ergebnisse einer Umfrage unter deutschen Steuerberatern, und bietet mehrere Zukunftsthesen, wovon einige auch für Österreich höchst relevant sind. Das LexisNexis Whitepaper „Digitalisierung der Steuerberatung“ gibt auf der einen Seite einen umfassenden Überblick dazu. Auf der anderen Seite will diese Analyse hier im neuen LexisNexis Blog fünf wichtige Trends und Prognosen noch genauer auf Risiken und Chancen prüfen. Teil 1 behandelt:

Teil 2 behandelt folgende Themen:

  • Digitalisierung: technische Herausforderung vs Effizienzgewinn
  • Steigende Komplexität
  • Bonus: Muster-Entwicklungswege

#1 Ausweitung der Steuerberatertätigkeit

Die deutsche Steuerberaterkammer rechnet mit einer thematischen Ausweitung der Steuerberatertätigkeiten. Es wird die Steuererklärung an Bedeutung verlieren und es werden umfassende Steuergestaltungs-, und Steuerplanungsberatungen an Bedeutung gewinnen. Gestützt wird dies von einer deutschen Umfrage wonach Mandanten immer mehr betriebswirtschaftliche Beratung wünschen.

Risiken: Abgesehen von berufsrechtlichen Vorschriften muss betriebswirtschaftliches  KnowHow gepflegt werden und kann neue Tools und Wissen nötig machen.

Chancen: Dies ist eine klare Chance, um sich breiter aufzustellen und unabhängiger von potentiell digitalisierbaren Dienstleistungen zu werden. Weiters ist es eine Möglichkeit, um den Markt und Umsatz zu erhöhen.

 

#2 Konkurrenz und Preisdruck

Die Konkurrenzsituation soll sich durch ähnliche Beratungsdienstleistungen von Rechtsanwälte oder Banken zusätzlich verschärfen. Zudem entstehen im Zuge der Digitalisierung Service-Angebote, die diverse Steuerberatungstätigkeiten automatisiert durchführen können.

Es wird auch erwartet, dass Crowdsourcing – wie es bereits mit dem deutschen Anwaltsmarkt geschehen ist – zu einer höheren Vergleichbarkeit und höherem Preisdruck führen wird. Beim Crowdsourcing verkaufen eine hohe Zahl verschiedener Dienstleister Ihre Services über digitale Plattformen die als Marktplätze fungieren. Ein Trend, der in der österreichischen Steuerberater Branche aber noch nicht angekommen ist.

Auch ein radikal vereinfachtes Steuersystem könnte die Wettbewerbssituation verschärfen: Ein aktueller Vorstoß der Wirtschaftskammer Wien ist die antragslose Steuererklärung mit Pauschalierung, was laut WK 100.000 erwarteten Selbständigen ein Steuerberaterhonorar von 1.000 EUR pro Jahr ersparen soll[1] In einem Interview stellte Finanzminister Löger eine erhebliche Ausweitung der Pauschalierung in Aussicht, „dass Kleinunternehmen, die künftig die Pauschalierung in Anspruch nehmen, im Wesentlichen nur mehr den Umsatz deklarieren und ansonsten keine Angaben mehr machen müssen. Das wäre gleichzusetzen mit dem Wegfall der Steuererklärung für Kleinunternehmen.“[2]

Risiken: Durch Vereinfachung der Steuererklärung könnte eine wachsende Anzahl von Mandanten wegfallen.

Bei neuen Marktteilnehmern sind das Standesrecht und die Auslegung der Berufsbefugnisse die ausschlaggebenden Faktoren. Wenn strenge Vorschriften die Erbringung von Steuerberatungs-Dienstleistungen per Software oder durch branchenfremde Unternehmen verhindern, dann ist das Risiko für disruptive Veränderungen vergleichsweise gering. Die deutsche Bundessteuerberaterkammer beobachtet die Deregulierungsbestrebungen der EU, vor allem seit dem die deutsche Vergütungsverordnung im Peer Review der Europäischen Kommission auf dem Prüfstand steht.

Das Potential für einen höherer Preisdruck zeichnet sich auch in Umfragen ab: Bei der österreichischen Imagestudie bejahen nur 57% ein angemessenes Preis-Leistungsverhältnis – das ist die zweitschlechteste Platzierung (vor: „Erkennen frühzeitig Fehlentwicklungen“) unter verschiedenen Eigenschaften, wobei Vertrauenswürdigkeit und Fachwissen besonders gut bewertet wurden. Die Situation der Branche dürfte in Deutschland ähnlich sein: Hier gab es unter den Befragten die mit Abstand größte Diskrepanz zwischen Erwartung und gefühltem Ist-Zustand bezüglich Preis-Leistungsverhältnis.

Chancen: Auch neue Marktteilnehmer müssen steuerliches Wissen abrufen können, und entweder mit Kanzleien kooperieren oder Jobs für einzelne Steuerberater schaffen, was für die einzelne Person ein Nullsummenspiel bedeutet. Wenn durch eine Vereinfachung die Nachfrage selbst reduziert wird, bietet das die Chance mehr wertigere und komplexere Sachverhalte zu bearbeiten. Folglich ist dann auch eine intensivere Weiterbildung bzw. umfassender Zugriff auf Spezialwissen nötig.

 

#3 Neues Arbeiten: Spezialisierung, Outsourcing, Netzwerken

Spezialisierungen und strategische Ausrichtungen gehen Hand in Hand mit dem gesellschaftlichen Wandel: Aufgrund der wachsenden Einkommensunterschiede und der zunehmend unterschiedlichen kulturellen Hintergründe verändern sich die Bedürfnisse der Mandanten von Morgen. Zum Beispiel benötigt der stetig steigende Anteil der pensionierten Bevölkerung im Vergleich zu Berufstätigen eine andere Beratung und andere Serviceleistungen.

Outsourcing-Lösungen von Steuerberatern für Steuerberater sind eine weitere Spielart der Fokussierung auf klar abgegrenzte Tätigkeiten. Ein etabliertes Beispiel aus Deutschland: „Kreditfabriken“ von diversen Banken bieten ihre Dienstleistungen anderen Banken an, und können aufgrund der hohen Spezialisierung Skaleneffekte erreichen und wesentlich effizienter die Leistung erbringen. Wird die Arbeit auf diese Weise innerhalb der Branche verteilt erhöht und optimiert es branchenweit die Effizienz.

Je nach Kanzleigröße machen unterschiedliche Spezialisierungen Sinn und erlauben diverse Erweiterungen des Portfolios. Je tiefer die Leistung auf ein Expertenthema begrenzt ist, desto wichtiger werden Netzwerke, um die eigene Leistung anzubringen, aber auch KnowHow aus anderen Bereichen abrufen zu können.

Risiken: Es gilt die Entwicklungen im Blick zu behalten und sich der ändernden Nachfrage anzupassen, ansonsten drohen Umsatzeinbußen.

Chancen: Die Anpassung an die Lebenswirklichkeit der Mandanten „zwingt“ einerseits zur Spezialisierung im Tagesgeschäft andererseits ist es eine Chance zur Profilierung. Ein großer Diskussionspunkt ist in Deutschland das „Life Time Service“. Es reicht von der Steuererklärung in der Erwerbstätigkeit bis zum Vermögensaufbau und Zukunftsvorsorge. Kollaboration, Netzwerke und Kooperationen sind weiters eine Chance, um die persönliche Reichweite skalieren, bzw ermöglichen sie eine Spezialisierung auf Fachgebiete.

 

Den zweiten Teil zu diesem Beitrag finden Sie hier im LexisNexis Blog.

 

[1] https://news.wko.at/news/wien/Wirtschaftskammer-Wien-praesentiert-Modell-zur-antragslosen.html

[2] https://www.trend.at/branchen/steuern/finanzminister-loeger-kleinunternehmen-steuerreform-10310656